Warum Volumenziele im Poker oft sinnvoller sind als Gewinnziele
PokerListings
- Aktualisiert: 21. September 2026
- Lesezeit: 7 min read
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Viele Pokerspieler setzen sich konkrete Ziele. Das kann bedeuten, in einem Monat €1.000 zu gewinnen, bis zum Jahresende eine bestimmte Bankroll aufzubauen, innerhalb der nächsten sechs Monate in höhere Stakes aufzusteigen oder die Ergebnisse der vergangenen Saison zu übertreffen. Auf den ersten Blick klingt das logisch: Wer Poker spielt, um Geld zu verdienen, möchte seinen Erfolg schließlich oft auch an den Gewinnen messen.
Genau hier liegt jedoch das Problem. Pokerergebnisse und damit auch die Höhe der Gewinne hängen nicht ausschließlich von der Qualität der eigenen Entscheidungen ab. Selbst ein sehr starker Spieler kann mehrere Wochen verlieren und gleichzeitig hervorragend spielen. Deshalb orientieren sich viele professionelle Pokerspieler lieber an Zielen, die sie tatsächlich beeinflussen können – etwa an einer bestimmten Zahl gespielter Hände, Stunden am Tisch oder Sessions pro Woche beziehungsweise Monat.
Damit stellt sich eine zentrale Frage: Ist es im Poker sinnvoller, sich ein Volumenziel statt eines Gewinnziels zu setzen?
Ein finanzielles Ziel wirkt sinnvoll – bis die Varianz dazwischenkommt

Angenommen, ein Cash-Game-Spieler nimmt sich vor, im Laufe eines Monats €2.000 zu gewinnen. Wahrscheinlich wird er darauf achten, seine Tische sorgfältig auszuwählen, seine Bankroll vernünftig zu managen und auch abseits der Tische weiter an seinem Spiel zu arbeiten. Nach zwei Wochen zeigt der Tracker allerdings ein Minus von €800. Spätestens dann kann das ursprüngliche Ziel zum Problem werden.
Plötzlich geht es nicht mehr nur darum, gute Entscheidungen zu treffen. Der Spieler rechnet nun auch aus, wie viel Geld ihm bis zum Monatsende noch fehlt. Statt einfach weiterhin gut zu spielen, entsteht das Gefühl, €2.800 „zurückholen“ zu müssen, um das gesetzte Ziel doch noch zu erreichen.
Genau an diesem Punkt kann ein finanzielles Ziel gefährlich werden. Es erzeugt zusätzlichen Druck innerhalb eines Zeitraums, dessen Ergebnis sich nicht kontrollieren lässt.
Poker richtet sich schließlich nicht nach Monatsgrenzen. Die Varianz interessiert sich nicht dafür, dass noch zehn Tage bis Monatsende verbleiben, und sie verschwindet auch nicht, nur weil ein Spieler einen bestimmten Gewinn eingeplant hat. Selbst ein langfristig klar profitabler Spieler kann eine längere Verlustphase erleben. Wer versucht, Ergebnisse zu erzwingen, trifft dadurch schnell schlechtere Entscheidungen und belastet zusätzlich sein Mental Game.
Die Folge kann sein, dass Spieler ihr Volumen übermäßig erhöhen, Sessions unnötig verlängern, übermüdet weiterspielen oder sogar in höhere Stakes wechseln, um Verluste schneller auszugleichen. Ein Ziel, das eigentlich motivieren sollte, beginnt dann unmittelbar die Spielqualität zu beeinträchtigen.
Gewinne lassen sich deutlich schlechter kontrollieren als Volumen
Hier liegt wahrscheinlich der entscheidende Unterschied zwischen einem Gewinnziel und einem Volumenziel. Ein Spieler kann zahlreiche Bereiche seiner Pokeraktivität steuern – aber nicht festlegen, wie viel Geld er in den nächsten 30 Tagen gewinnen wird.
Er kann entscheiden, wie viele Stunden er spielen möchte, welche Tische er auswählt, wie viel Zeit er ins Studium investiert und wann eine Session beendet wird, weil die Konzentration nachlässt. Ebenso kann er an seinem Mental Game arbeiten, seinen Lebensstil verbessern oder seinen Tagesablauf besser strukturieren.
Was er hingegen nicht direkt beeinflussen kann, ist das kurzfristige finanzielle Ergebnis seiner Sessions.
Ein Beispiel verdeutlicht den Unterschied. Stellen wir uns einen Online-Cash-Game-Spieler vor, der sich 40.000 Hände für einen Monat vornimmt. Am Ende lässt sich eindeutig feststellen, ob das Ziel erreicht wurde. Bei 42.000 Händen wurde es übertroffen, bei 27.000 klar verfehlt.
Ob der Monat finanziell im Plus oder im Minus endet, ändert nichts daran, wie viel der geplanten Arbeit tatsächlich geleistet wurde.
Bei einem Gewinnziel ist die Bewertung wesentlich schwieriger. Ein Spieler kann mehrere Wochen schlecht spielen und am Monatsende trotzdem €5.000 Gewinn ausweisen. Umgekehrt kann derselbe Spieler sehr gute Entscheidungen treffen und dennoch über alle Sessions hinweg leicht im Minus liegen.
Mit Volumenzielen lässt sich die eigene Arbeit besser messen
Ein großer Vorteil von Volumenzielen besteht darin, dass sie auf etwas Konkretem beruhen, das der Spieler tatsächlich kontrollieren kann.
In Online-Cash-Games kann beispielsweise die Zahl der gespielten Hände gemessen werden. Im Live-Poker bieten sich die Stunden am Tisch an. Turnierspieler können wiederum festhalten, wie viele Events oder Sessions sie absolviert haben.
Ein solcher Ansatz erleichtert außerdem die Strukturierung des Pokeralltags. Wer im Monat 100 Stunden Cash Game spielen möchte, kann diese Zeit über mehrere Wochen verteilen, Ruhetage einplanen, Study-Zeiten berücksichtigen und die Sessions an persönliche Verpflichtungen anpassen.
Poker bekommt dadurch wesentlich stärker den Charakter einer professionell organisierten Tätigkeit. Anstatt lediglich abzuwarten, wie viel Geld am Ende gewonnen oder verloren wurde, schafft der Spieler einen festen Arbeitsrahmen. Er weiß, was erledigt werden soll, und kann anschließend zusätzlich bewerten, wie hochwertig dieses Volumen war.
Mehr spielen bedeutet nicht automatisch mehr gewinnen

Allerdings sollte man auch nicht ins andere Extrem verfallen. So problematisch Gewinnziele sein können, ein schlecht gewähltes Volumenziel kann ähnlich negative Folgen haben. Tausende Hände oder Dutzende Spielstunden um jeden Preis anzuhäufen, ist letztlich kaum besser als das zwanghafte Verfolgen eines bestimmten Gewinnbetrags.
Nehmen wir einen Spieler, der sich 60.000 Hände für einen Monat vorgenommen hat. Wenige Tage vor Monatsende steht er erst bei 48.000. Um das Ziel noch zu schaffen, öffnet er zusätzliche Tische, startet Sessions trotz Müdigkeit oder setzt sich in Games, die deutlich schlechter sind als seine üblichen Partien.
Das Problem ist dann beinahe identisch mit dem eines finanziellen Ziels: Die Zahl wird wichtiger als die Qualität des Spiels.
Das ist ein gravierender Fehler. Volumen aufzubauen ist nur dann sinnvoll, wenn der Spieler dabei weiterhin ein ausreichend hohes Leistungsniveau halten kann.
Im Cash Game ist dieser Punkt besonders wichtig. Wer unbedingt eine bestimmte Zahl an Händen erreichen will, könnte versucht sein, jeden verfügbaren Tisch zu spielen oder wesentlich mehr Tische gleichzeitig zu öffnen als gewohnt.
Wie bereits bei der Bedeutung guter Table Selection deutlich wird, können 10.000 Hände unter hervorragenden Bedingungen manchmal wertvoller sein als 20.000 Hände in mittelmäßigen Games.
Das richtige Ziel hängt auch davon ab, wie lange du konzentriert bleibst
Deshalb reicht es nicht, nur zu fragen, wie viel Volumen man spielen sollte. Entscheidend ist auch, wie viel Volumen möglich ist, ohne dass die Qualität des eigenen Spiels darunter leidet.
Manche Spieler können fünf oder sechs Stunden hochkonzentriert bleiben, während andere bereits nach zwei Stunden merklich abbauen. Online können einige Grinder mehrere Tische gleichzeitig spielen, ohne dass ihre Entscheidungen deutlich schlechter werden. Andere verlieren dagegen schnell an Aufmerksamkeit, sobald sie den Table Count erhöhen.
Daher gilt: Ein Volumenziel muss immer zum jeweiligen Spieler passen.
Es sollte ambitioniert genug sein, um Disziplin und Regelmäßigkeit zu fördern, aber nicht so anspruchsvoll, dass man dadurch auch dann weiterspielt, wenn die Bedingungen längst nicht mehr gut sind.
Auf lange Sicht ist die Qualität des gespielten Volumens vermutlich deutlich wichtiger als die reine Anzahl gespielter Hände oder Stunden.
Gewinnziele können dem Mental Game massiv schaden
Ein weiteres großes Problem finanzieller Ziele betrifft die psychologische Seite.
Stellen wir uns einen Spieler vor, der in einem Monat €3.000 gewinnen möchte. Er startet stark und erreicht schnell €2.500 Profit. Das Ziel scheint fast geschafft, doch dann kostet ihn eine schlechte Session €1.200.
Psychologisch kann sich dieser Verlust so anfühlen, als hätte er etwas wieder verloren, das bereits nahezu sicher war. Eben fehlten nur noch €500 bis zum Ziel, nun ist die Distanz plötzlich wieder deutlich größer.
Solche Situationen können Tilt begünstigen und den Wunsch verstärken, das verlorene Geld möglichst sofort zurückzugewinnen. Der Spieler verlängert möglicherweise eine Session, die längst hätte enden sollen, bleibt an einem schlechten Tisch sitzen oder erhöht sogar die Stakes.
Das finanzielle Ziel wird dadurch zu einem emotionalen Bezugspunkt und beginnt, Entscheidungen zu beeinflussen, die eigentlich nüchtern und rational getroffen werden sollten.
Auch das Gegenteil ist möglich. Hat sich ein Spieler €3.000 Monatsgewinn vorgenommen und erreicht diese Summe bereits am 18. des Monats, könnte er sein Volumen drastisch reduzieren, um das Ergebnis zu „schützen“.
Wenn sich allerdings am nächsten Tag ein außergewöhnlich gutes Game ergibt, verändert das bereits erreichte Monatsziel nichts an der Profitabilität dieser Partie.
Im Poker ist der Prozess kurzfristig oft wichtiger als das Ergebnis
Genau das macht diese Frage so relevant. Poker ist ein Spiel, in dem eine gute Entscheidung Geld kosten und eine schlechte Entscheidung Geld einbringen kann. Kurzfristig ist es daher äußerst schwierig, die Qualität der eigenen Arbeit allein anhand des finanziellen Ergebnisses zu beurteilen.
Ein sinnvoll gewähltes Volumenziel hilft dagegen dabei, sich auf die Faktoren zu konzentrieren, die tatsächlich kontrollierbar sind: ausreichend zu spielen, das eigene Spiel weiterzuentwickeln, die richtigen Games auszuwählen, konzentriert zu bleiben und die Bankroll zu respektieren.
Natürlich muss ein professioneller Spieler langfristig Geld verdienen. Niemand kann dauerhaft von hohem Volumen leben, wenn dieses konstant mit Verlusten verbunden ist. Der Versuch, jede Woche oder jeden Monat einen exakt vorgegebenen Gewinn zu erzwingen, kann jedoch schnell kontraproduktiv werden.
Statt festzulegen, wie viel Geld unbedingt gewonnen werden muss, ist es deshalb oft sinnvoller zu definieren, welche konkreten Aufgaben erfüllt werden sollten, um die eigenen Chancen auf langfristig profitables Pokerspiel zu maximieren.
In einem Spiel, das so stark von Varianz geprägt wird, kann dieser Unterschied wesentlich wichtiger sein, als es zunächst den Anschein hat.
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