„Ich mag den Schmerz, was soll ich sagen?“: Alex Theologis beantwortet Fragen auf Reddit

„Ich mag den Schmerz, was soll ich sagen?“: Alex Theologis beantwortet Fragen auf Reddit

Der September 2026 begann für die Poker-Community mit einem besonderen Leckerbissen: Online-Poker-Millionär Alex „Pwndidi“ Theologis schaute bei r/poker vorbei und stellte sich dort in einem 24-stündigen AMA den Fragen der Community. Anders als viele andere Pokerprofis beschränkte sich Theologis dabei nicht auf die üblichen Themen rund um Karriere und Mental Game. Er analysierte mehrere konkrete Spots, sprach ausführlich über ICM und gab den Lesern eine Reihe praktischer Tipps mit auf den Weg.

Das Ergebnis war eines der inhaltlich stärksten AMAs, die die Pokerwelt in letzter Zeit gesehen hat. Die interessantesten Antworten haben wir hier zusammengestellt.

Zum Einstieg beginnen wir mit einer Frage, die wohl jeden Fan von Alex beschäftigt: Was bedeutet eigentlich Pwndidi?

Alex Theologis

Früher habe ich DotA gespielt und mein Nickname war You_Got_Pwnd. Meine Freunde nannten mich einfach Pwnd. „-idi“ ist im Griechischen eine Art Verkleinerungsform – im Grunde also „little pwnd

Nachdem damit geklärt wäre, dass der Nickname nichts mit Puff Diddy zu tun hat – Gott sei Dank –, können wir uns den ernsthafteren Themen widmen.

Pokerwissen und praktische Tipps

Frage: Welches Turnierformat macht dir am meisten Spaß? Und bei welchem Format siehst du die größten Edges?

Alex Theologis

Am meisten Spaß machen mir wahrscheinlich PKOs. Die größte Edge gibt es meiner Meinung nach in Mystery Bounties – die machen mir allerdings am wenigsten Spaß.

Frage: Gibt es ein bestimmtes Buy-in-Level, ab dem du stärker auf eine GTO-basierte Strategie setzt, während du bei kleineren Buy-ins eher bekannte Tendenzen des Spielerpools exploitest?

Alex Theologis

Ich würde das nicht unbedingt an einem bestimmten Buy-in festmachen, sondern eher an den Gegnern, gegen die man spielt. Bei den besten Regs kann man nicht davon ausgehen, dass allgemeine Population Tendencies gelten. Deshalb würde ich dort auch nicht versuchen, sie auf dieser Basis zu exploiten.

Frage: Was unterscheidet deiner Meinung nach sehr gute Spieler von absoluten Elite-Spielern?

Alex Theologis

Schwer zu beantworten, weil sehr viele Faktoren eine Rolle spielen und nicht jeder alle davon mitbringen muss. Lernaufwand, Arbeitsmoral, Instinkt, Talent, Mentalität, Intelligenz, Wahrnehmung, Ehrgeiz, Neugier, Offenheit – die Liste ist lang. Ich würde sagen: Es gibt viele Eigenschaften, von denen bereits einige einen sehr guten Spieler auf Elite-Niveau bringen können.

Frage: Nachdem du jahrelang online gespielt hast – was hast du an Live-High-Stakes-Poker komplett unterschätzt, bevor du selbst dort am Tisch saßt?

Alex Theologis

Der wichtigste Punkt ist wahrscheinlich, unter Druck komplett ruhig und emotionslos bleiben zu können – sowohl während einer Hand als auch danach, unabhängig vom Ausgang. Online kann man seine Emotionen so deutlich zeigen, wie man möchte. Live dagegen muss man über sehr lange Zeiträume sämtliche Gefühle und Reaktionen unter Kontrolle behalten.

Frage: Wie viel Zeit investierst du ins Lernen, und wie hat sich das im Verlauf deiner Karriere verändert? Gab es ein bestimmtes Verhältnis zwischen Study und Play, mit dem du die besten Ergebnisse erzielt hast?

Alex Theologis

Mein Verhältnis zwischen Lernen und Spielen hat sich im Laufe der Zeit stark verändert. Als ich entschieden habe, Poker wirklich ernst zu nehmen, habe ich zunächst drei Monate komplett pausiert und ausschließlich gelernt: Game Theory, grundlegende Mathematik, Ranges und so weiter. Später musste sich das Verhältnis immer stärker in Richtung Spielen verschieben, weil Lernen mit zunehmendem Niveau einen abnehmenden Grenznutzen hat – je besser man wird, desto kleiner werden die eigenen Fehler. Heute komme ich im Durchschnitt wahrscheinlich auf etwa drei Stunden Study pro Tag, wobei ich eher komplette Lerntage und komplette Spieltage habe.

Frage: Glaubst du, dass Spieler an Final Tables häufiger miteinander kollidieren, als es die Theorie vermuten lässt? Gerade bei Midstakes mit mehr Freizeitspielern und Regs, die keine ICM-Experten sind, ist das schwer einzuschätzen. Viele bluffen in bestimmten Spots zu wenig, überspielen aber gleichzeitig sowohl preflop als auch postflop Hände, mit denen sie in ChipEV bereit wären, um den Stack zu spielen, unter ICM aber nicht. Wie passt du dich daran praktisch an?

Alex Theologis

Das sehe ich sehr häufig, selbst bei High Stakes. Eine gute Anpassung besteht grundsätzlich darin, weniger Bluffcatches zu machen und linear starken Ranges mehr Gewicht zu geben als Blockern. In der Praxis kann es zum Beispiel besser sein, mit Bottom Two Pair einen Bluff zu catchen als mit Top Pair plus Straight-Blocker, wenn der Gegner am Ende zu weit for Value bettet.

Frage: Im Poker kannst du bei Entscheidungen um große Summen alles richtig machen, perfekt spielen und trotzdem verlieren. Hat das deine Sicht darauf verändert, was „Gewinnen“ im Leben eigentlich bedeutet?

Alex Theologis

Ja, definitiv. Die Varianz im Poker hilft einem, all die versteckte Varianz im Leben besser zu verstehen – und auch, welchen Einfluss Glück auf Erfolg und Misserfolg hat. Natürlich ist Glück nicht der einzige Faktor, aber sein Einfluss ist größer, als viele wahrhaben wollen.

Frage: Gibt es trotz deiner Erfahrung noch Situationen in Turnieren, die dich überraschen oder völlig auf dem falschen Fuß erwischen?

Alex Theologis

Auf jeden Fall. Hin und wieder schaue ich mir eine Solver-Lösung für eine Hand an und muss erst drei Mal überprüfen, ob ich bei den Einstellungen wirklich keinen Fehler gemacht habe. Danach lande ich in einem kompletten Rabbit Hole und versuche herauszufinden, warum ich diesen Spot vorher so wenig verstanden habe.

Theologis über ICM

Frage: Wenn du noch einmal an den Anfang deiner Turnierkarriere zurückkehren könntest – was würdest du beim Lernen von ICM anders machen?

Alex Theologis

Weniger Zeit damit verbringen, Bubble Factors und den Wert von Chips mit Stift und Papier auszurechnen, haha. Damals hatten wir weder HRC noch GTOW!

Frage: Gab es einmal eine Hand, in der ein Topspieler unter ICM-Gesichtspunkten etwas gemacht hat, das dich zunächst überrascht hat, später aber deine Sichtweise oder dein Verständnis verändert hat?

Alex Theologis

Ich versuche grundsätzlich, offen an solche Dinge heranzugehen. Deshalb würde ich sagen: ja – insbesondere beim Thema Future Game. Ein Beispiel wäre ein Call, der laut reiner Solver-Ausgabe klar Geld verliert, sich aber durch den zukünftigen EV-Gewinn dennoch rechtfertigen lässt.

Frage: Was sind die größten ICM-Fehler, die du bislang gesehen hast?

Alex Theologis

Gemessen am finanziellen Wert wahrscheinlich irgendeine Hand von einem WSOP Main Event FT. Wenn wir über wiederkehrende Situationen sprechen, dann sind es Jams gegen sehr enge Ranges. Bei Bounties überschätzen oder unterschätzen viele Spieler ICM außerdem massiv. Sie berücksichtigen weder die Payout-Struktur noch, wie viel Geld noch im Bounty Prize Pool liegt.

Frage: Gibt es einen ICM-Spot, bei dem deine Intuition als etablierter Spieler noch immer anderer Meinung ist als der Solver, obwohl du verstehst, warum dieser seine Strategie bevorzugt? Vertraust du dem ICM-Modell dort vollständig oder gibt es Aspekte des echten Turnierpokers, die das Modell deiner Meinung nach nicht abbildet?

Alex Theologis

Es ist schwierig, die Auswirkungen von Future Game EV wirklich vollständig einzuschätzen. Gerade weil Solver bei Deepstack-Situationen nicht besonders effektiv sind, hängt meine Skepsis hauptsächlich damit zusammen.

Frage: Wie entscheidest du, wann du der „korrekten“ ICM-Strategie folgen und wann du exploiten solltest, was das Feld deiner Meinung nach tatsächlich macht? Gibt es konkret einen ICM-Spot, bei dem du deine Herangehensweise im Laufe der Jahre stark verändert hast – nicht weil sich die Solver-Antwort geändert hätte, sondern weil deine Annahmen über das tatsächliche Spielverhalten falsch waren?

Alex Theologis

Mit Solvern können wir per Nodelock abbilden, wie wir glauben, dass unsere Gegner spielen, und anschließend die optimalen Exploits dagegen berechnen. Natürlich ist unsere Sicherheit bei solchen Annahmen nie besonders hoch, deshalb sollte man extreme Anpassungen eher vermeiden. Ein ICM-Spot, bei dem sich meine Herangehensweise verändert hat, sind diese sehr großen Jams, die man als Chipleader theoretisch machen soll – bei 40+bb effective gegen Medium Stacks. Das Risk-Reward-Verhältnis kann dort sehr schlecht sein. Wenn der Gegner nur ein paar Hände weiter callt als vom Solver vorgesehen, kann der Jam zu einem sehr teuren Fehler werden.

Frage: Wie schätzt du in Multi-Street-Postflop-Situationen – etwa wenn du als Medium Stack den Turn check-callst und am River vor einer Bet stehst – ohne Solver ab, wie sich dein Risk Premium von Street zu Street verändert?

Alex Theologis

Multiway-Hände treten unter ICM nicht besonders häufig auf. Grundsätzlich steigt unser RP aber, je größer der Anteil unseres Stacks ist, den wir bereits in den Pot investiert haben. Wenn es beispielsweise um eine Bet von ungefähr der Hälfte unseres Stacks geht, würde ich grob mit rund 40% meines vollständigen RP für diese Bet rechnen.

Frage: Glaubst du, dass wir irgendwann ein besseres oder aktualisiertes Modell als ICM sehen werden? Wie könnte so etwas aussehen?

Alex Theologis

Ich denke schon. Wir können schon heute vier oder fünf Hände in die Zukunft lösen, wenn auch nur für Push-or-Fold-Situationen. Wenn Rechenleistung und andere technische Möglichkeiten weiter zunehmen, wäre Deepstacked FGS für mich der logische nächste Schritt.

Frage: Welche konkrete Vorsichtsmaßnahme nutzt du während des Spiels, um Schwächen des ICM-Modells auszugleichen?

Alex Theologis

Ich versuche mir vorzustellen, wie mein zukünftiger EV aussieht, wenn ich einen knappen Spot nehme. Wichtig ist aber, diese Anpassung wirklich nur bei marginalen Entscheidungen einzusetzen und nicht als Ausrede dafür zu benutzen, einfach zu punten.

Mental Game und der Kampf gegen Tilt

Frage: Wie behältst du mental die Kontrolle, wenn du über mehr als 3.000 Games ständig verlierst, obwohl EV und Stats gut aussehen und du scheinbar jeden einzelnen Preflop-Showdown verlierst?

Alex Theologis

Das ist immer eine schwierige Situation – egal, ob man seit Jahrzehnten Vollzeit-Pro ist oder gerade erst angefangen hat. Leider gehört das zur Realität von MTTs. Die Varianz kann extrem brutal sein. Das Beste, was man tun kann, ist, das eigene Spiel möglichst objektiv zu beurteilen und sich auf die Dinge zu konzentrieren, die man tatsächlich beeinflussen kann. Ob dein AK gegen die QQ des Gegners gewinnt, liegt komplett außerhalb deiner Kontrolle. Ob du dich kontinuierlich verbesserst und dein bestes Poker spielst, dagegen nicht.

Frage: Welchen unsichtbaren und besonders gefährlichen psychologischen Fehler siehst du bei Spielern, die sehr viel lernen, aber trotzdem dauerhaft auf denselben Stakes hängen bleiben?

Alex Theologis

Für mich ist das Wichtigste, objektiv bleiben zu können. Manche betreiben zum Beispiel ein viel zu konservatives BRM, andere gehen viel zu sorglos damit um. Einige glauben, jedes schlechte Ergebnis sei ihre eigene Schuld, andere schieben alles auf schlechte Varianz. Manche halten jeden Gegner für einen Poker-Gott, andere glauben, alle anderen seien furchtbar schlecht. Die richtige Balance zu finden und ehrlich zu sich selbst zu sein, ist schwierig – aber notwendig.

Frage: Wie gehst du mit einem furchtbaren Kartenlauf gegen Ende eines MTT um? Wenn ich im Fold-or-Shove-Bereich bin, hatte ich schon Phasen von mehr als 15 Händen, ohne auch nur einen König oder ein Ass für einen Coinflip zu bekommen.

Alex Theologis

Das ist wirklich mies, weil man sich vollkommen machtlos fühlt und denkt, dass man überhaupt nichts hätte tun können. Leider gehört auch das zum Spiel. Manchmal soll man das Turnier einfach nicht gewinnen, und Platz 11 ist tatsächlich das bestmögliche Ergebnis.

Frage: Wie hat Poker die Art verändert, wie du im Alltag Entscheidungen triffst? Wendest du Konzepte oder Entscheidungsprozesse aus dem Poker auch in anderen Situationen mit Unsicherheit an?

Alex Theologis

Absolut. Vor allem das EV-Konzept wird außerhalb der Pokerwelt nur sehr selten berücksichtigt, während ich im Alltag sehr häufig darüber nachdenke. Dazu kommt die Fähigkeit, auch in schwierigen Situationen ruhig zu bleiben und Dinge durchzudenken, statt impulsiv zu reagieren – neben einigen anderen Konzepten.

Bonus: Spot-Analyse mit Pwndidi

Frage: Online-MTT mit $215 Buy-in, vier Spieler übrig, alle haben ungefähr 20bb. Der erste Spieler jammt. Mit welcher Range callst du als Zweiter?

Alex Theologis

Ich gehe davon aus, dass du mit 4-handed meinst, dass noch vier Spieler in einem Final Table übrig sind und es nicht einfach ein 4-handed-Format ist. Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, weil das von den Payouts abhängt, aber etwas in Richtung 99 und AQ klingt sinnvoll.

Frage: Du sitzt mit sieben Spielern am Final Table UTG, hast 12bb und zwei Spieler haben weniger als 10bb. Häufig setzen Spieler ungefähr die Hälfte ihres Stacks und folden eventuell gegen zwei Shoves. Gibt es einen Vorteil darin, stattdessen nur etwa 30–40% des Stacks zu setzen?

Alex Theologis

Das Problem bei einer so kleinen Bet ist, dass wir den Gegnern ermöglichen, Hände zu callen, die gegen einen Jam gefoldet hätten – besonders dann, wenn der Big Blind einen größeren Stack hat.

Frage: Ihr seid noch zu viert. Drei Plätze werden bezahlt: $1,200, $720 und $480. Platz vier bekommt nichts. Die Stacks: Chipleader am Button mit 45,000, du im Big Blind mit 18,000 sowie zwei Shortstacks mit 9,000 und 8,000. Die Blinds liegen bei 500/1,000 mit 100 Ante. Der Chipleader jammt und covert dich. Du hältst AKo. Gegen seine Shoving-Range hast du ungefähr 62% Equity. In Chips ist der Call klar profitabel. Warum kann er in echtem Geld trotzdem schlecht sein? Was an dieser Konstellation sorgt dafür, dass eine Niederlage viel stärker schmerzt, als ein Sieg hilft? Und wäre deine Einschätzung dieselbe, wenn der Sieger alles bekommt oder wenn es ein Satellite wäre, bei dem die Top 3 alle denselben Seat erhalten?

Alex Theologis

Mit dem zusätzlichen Risk Premium – also der zusätzlichen Equity, die wir aufgrund des ICM-Drucks für einen Call benötigen – könnte das knapp sein. Wir müssen allerdings auch unseren Future EV berücksichtigen, wenn wir gewinnen, verdoppeln und selbst neuer Chipleader werden. Deutlich knapper wird es, wenn der Chipleader statt 45,000 insgesamt 100,000 Chips hat, weil uns ein Gewinn dann praktisch nichts bringt. Bei einem Winner-Takes-All-Format gäbe es kein ICM, also wäre es ein klarer Call. In einem Satellite, bei dem die Top 3 jeweils einen Seat bekommen, muss das dagegen ein sehr klarer Fold sein. Zusätzliche Chips haben zu diesem Zeitpunkt kaum noch einen Wert – wir müssen lediglich einen der beiden anderen Shortstacks überleben.

Frage: Wie spielt man Pocket Jacks?

Alex Theologis

Schnell eine davon umdrehen und nach einer neuen Karte fragen.