Freundschaft endet am Pokertisch: Der Streit um Abby Merk und Susan

Freundschaft endet am Pokertisch: Der Streit um Abby Merk und Susan

Sollten Freunde am Pokertisch bewusst softer gegeneinander spielen?

Genau diese Frage sorgte im September 2026 für eine größere Diskussion in der Poker-Community. Auslöser war Abby Merk, Poker-Content-Creatorin und regelmäßiger Gast in Livestreams, die während einer Session im Lodge Poker Club emotional auf eine Hand gegen Susan reagierte.

Online fielen die Reaktionen sehr unterschiedlich aus: Während ein Teil der Community Merk deutlich kritisierte, zeigte ein anderer Verständnis für ihre Sicht der Dinge. Interessanter als die Frage, wer in diesem persönlichen Konflikt recht hatte, ist jedoch, welche Lehren Pokerspieler aus der Situation ziehen können.

Zunächst aber zur Hand, mit der alles begann.

Wie Susan Abby auf Tilt brachte

Der Auslöser war eine kontrovers diskutierte Hand im Lodge Live Stream.

The Preflop

Preflop entwickelte sich die Action folgendermaßen:

  • CO Virginia Mouse hatte $1,6K im Stack und 3-bettete mit A8o auf $150.
  • UTG Susan saß mit $1,5K dahinter und callte mit 66.
  • HJ Abby Merk hatte noch $824 und entschied sich mit A5s für das All-in.

Virginia nahm sich kurz Zeit und muckte anschließend ihre Hand.

Susan hingegen foldete nicht sofort. Stattdessen fragte sie Abby: „Willst du Action?“ Abby antwortete: „Eigentlich nicht“ und begann dabei nervös zu lachen.

Für Susan offenbar ein wichtiges Signal. Nach kurzem Überlegen entschied sie sich schließlich für den Call.

Susan Calls

Abby war die Verärgerung deutlich anzusehen. Sie sagte zu Susan:

Abby Merk: „Ich fühle mich bei diesem Call ehrlich gesagt ziemlich komisch. Ich dachte, du würdest folden, wenn du mich fragst, ob ich Action will oder nicht …“

Abby Tilts

Susan entschuldigte sich, doch die Stimmung entspannte sich dadurch nicht. Abby war bereits sichtbar auf Tilt und antwortete gereizt:

Abby Merk: „Schon gut. Ich meine, zweimal, schätze ich, aber … ich bin einfach verdammt nochmal schlechter.“

Am Ende verlor Abby beide Boards. Sichtlich unzufrieden entschied sie sich anschließend für den kleinstmöglichen Rebuy von $60.

Abby Loses

Viele Zuschauer reagierten irritiert auf Merks Verhalten und konnten zunächst kaum nachvollziehen, weshalb sie der Call derart aufgebracht hatte. In der Community kursierten verschiedene Erklärungsversuche. Manche vermuteten, dass Abby bereits vor dem All-in auf Tilt gewesen sei. Andere glaubten, sie habe aufgrund ihrer Beziehung zu Susan bestimmte Erwartungen gehabt oder sowohl ihre Gegnerinnen als auch die gesamte Situation falsch eingeschätzt und den daraus entstandenen Frust anschließend nach außen getragen.

Abbys Erklärung machte die Debatte noch größer

Später schilderte Abby ihre Sicht der Dinge auf Instagram.

Sie erklärte, dass sie und Susan schon seit längerer Zeit zusammen gespielt und viele freundschaftliche Gespräche am Tisch geführt hätten. Abby sei deshalb davon ausgegangen, dass beide tatsächlich befreundet seien – oder zumindest enger miteinander, als Susan es offenbar empfunden habe.

Zur Hand selbst erklärte Merk, sie habe A5 in Karo geraist, woraufhin Virginia 3-bettete und Susan callte. Obwohl sie selbst offen einräumte, strategisch nicht besonders tief im Poker zu stecken, habe sie gewusst, dass ein 4-Bet-Bluff mit A5 suited ziemlich gut aussehen würde.

Deshalb stellte Abby ihre rund $800 All-in und hoffte darauf, beide Gegnerinnen aus der Hand zu bekommen. Nachdem Virginia foldete, sei sie zunächst erleichtert gewesen, weil nur noch Susan übrig war.

Dann habe Susan nach längerem Überlegen angekündigt, einige Fragen zu haben. Abby beschrieb, wie ihre eigene Haltung in diesem Moment von einem ernsthaften Poker-Modus in einen freundschaftlichen Modus gewechselt sei. Als Susan anschließend fragte: „Willst du Action?“, habe Abby die Frage nicht mehr als Teil des strategischen Spiels verstanden.

Nach ihrer Darstellung nahm sie an, Susan wolle tatsächlich wissen, was Abby von ihr erwartete: Wenn Abby „nein“ sage, würde Susan folden; bei einem „ja“ würde sie callen.

Merk räumte ein, dass dies in einem kompetitiven Umfeld merkwürdig klinge. Gleichzeitig behauptete sie, dass solche Situationen zwischen Freunden in einer freundschaftlichen Pokerrunde durchaus üblich seien. Deshalb habe sie Susan offen mitgeteilt: „Eigentlich nicht“ – in der Erwartung, daraufhin den Fold zu bekommen.

Doch Susan callte.

Abby erklärte weiter, ihr sei in diesem Moment klar geworden, dass sie die Situation komplett falsch eingeschätzt hatte. Sie sei darüber nicht glücklich gewesen, wolle aber ausdrücklich festhalten, dass Susan technisch betrachtet nichts Falsches getan habe.

Die beiden entschieden sich für run it twice, doch Abby konnte sich auf keinem der beiden Boards verbessern. Wie sie selbst formulierte, habe Susan sie an diesem Tag letztlich schlicht auseinandergenommen.

Merk gab zudem offen zu, unmittelbar nach der Hand auf Tilt gewesen zu sein. Sie sei nun einmal ein Mensch mit Emotionen gewesen – gleichzeitig sei die Partie live übertragen worden, während parallel das Nit Game lief und bereits zuvor ein Spieler den Stream verlassen habe, ohne seine Nit Tax zu bezahlen.

Da Abby in diesem emotionalen Zustand nicht viel Geld riskieren wollte, kaufte sie sich nur für $60 erneut ein. Später habe sie Glück gehabt und die Session nicht mit einem großen Minus beendet, sondern lediglich mit ungefähr $50 Verlust.

Wichtiger sei ihr allerdings gewesen, die Angelegenheit mit Susan aus der Welt zu schaffen. Direkt nach dem Stream, als die Kameras ausgeschaltet waren, hätten sich die beiden unter vier Augen ausgesprochen und die Situation vollständig geklärt. Beide hätten deutlich gemacht, dass es keinerlei persönliche Spannungen mehr gebe.

Abby beendete ihre Erklärung mit:

„THAT’S POKER, PHIL!!!“

Ein Teil der Community fand diese Erklärung zumindest nachvollziehbar. Xuan Liu etwa beschrieb Abby sinngemäß als „zu unschuldig für Poker“.

Andere reagierten deutlich kritischer – insbesondere auf Merks Aussage, dass Freunde in einer freundschaftlichen Partie durchaus Rücksicht aufeinander nehmen würden.

Marle Spragg brachte den Kern dieser Kritik knapp auf den Punkt:

Marle Spragg: „Du erwartest also von Leuten, mit denen du befreundet bist, dass sie gegen dich soft spielen.“

Da genau dieser Kommentar in der Community viel Zustimmung erhielt, lohnt es sich, den dahinterstehenden Punkt genauer zu betrachten.

Warum man von Freunden kein Soft Play erwarten sollte

Poker ist nicht einfach nur ein Wettbewerb. Langfristig hängt der eigene Gewinn unmittelbar davon ab, wie gut ein Spieler seine Gegner analysiert, ihre Schwächen erkennt und diese ausnutzt.

Bereits die grundlegende Logik des Spiels spricht deshalb gegen Collusion – und damit auch gegen abgeschwächte Formen wie Soft Play. Würden Spieler regelmäßig weniger aggressiv oder weniger optimal gegen Freunde spielen, wären die Bedingungen am Tisch nicht mehr für alle Beteiligten gleich.

Noch problematischer wird das in öffentlichen Games wie einer übertragenen Cashgame-Session. Dort geht es nicht nur um die konkrete Hand, sondern auch um die Integrität und Außenwirkung des Spiels.

Man stelle sich einen Poker-Neuling vor, der den Stream mit Abby und Susan einschaltet, weil er sich erstmals intensiver mit dem Spiel beschäftigen möchte. Er sieht zunächst eine emotionale Reaktion auf einen völlig legitimen Call und hört anschließend die Erklärung, dass es zwischen Freunden angeblich normal sei, sich am Tisch gegenseitig zu schonen.

Für neue Spieler kann genau dieser Eindruck abschreckend wirken.

Soft Play zwischen Freunden stellt die Fairness und Gleichbehandlung der Spieler infrage. Noch ungünstiger ist, dass Abbys Erklärung inzwischen weit über den ursprünglichen Stream hinaus online diskutiert wird. Ein potenzieller Neueinsteiger könnte daraus den Eindruck gewinnen, dass Freundesgruppen gemeinsam an einem Tisch sitzen und untereinander anders spielen – während Außenstehende kaum eine faire Chance hätten.

Unabhängig davon, wie Abby die konkrete Situation gemeint hat, wäre eine solche Vorstellung für Poker alles andere als hilfreich.

Was Spieler aus Susans Verhalten mitnehmen können

Lässt man die Diskussion um mögliches Soft Play auf Abbys Seite zunächst beiseite, zeigte Susan während der Hand etwas, das im Poker deutlich interessanter ist: Sie beobachtete ihre Gegnerin genau und nutzte die verfügbaren Informationen.

Im Stream ist zu sehen, wie aufmerksam Susan Abby studiert. Weil sie sie bereits gut kannte, erkannte sie offenbar eine Unsicherheit.

Dann kam ihre einfache Frage nach der gewünschten Action.

Die Reaktion darauf lieferte Susan zusätzliche Informationen. Offenbar kam sie dadurch zu dem Schluss, dass ihre 66 gegen Abbys Range ausreichend gute Chancen hatten. Statt sich von der persönlichen Beziehung beeinflussen zu lassen, traf sie den Call und versuchte, den wahrgenommenen Read auszunutzen.

Auch danach blieb sie vergleichsweise ruhig. Abbys Tilt brachte Susan weder aus dem Konzept noch dazu, sich für ihre Entscheidung schuldig zu fühlen.

Später äußerte sie sich ebenfalls zu dem Vorfall und machte deutlich, dass für sie die Integrität des Spiels am Tisch wichtiger war als eine freundschaftliche Dynamik zwischen zwei Spielern.

Welche Lektion lässt sich daraus ziehen?

Freundschaft und faires Poker sollten voneinander getrennt bleiben. Wer am Tisch eine legitime Entscheidung trifft, sollte sich auch in emotional aufgeladenen Situationen nicht durch den Tilt eines anderen Spielers ein schlechtes Gewissen einreden lassen.